Inklusion: Pädagogen müssen den Weg kennen

In Oliver Sacks Autobiografie findet sich folgendes Zitat des russichen Psychologen Lew Wygotski (1896 – 1934):

Wenn ein blindes oder gehörloses Kind das gleiche Entwicklungsniveau erreicht, wie ein normales Kind, so hat das beeinträchtigte Kind dies auf eine andere Art, einem anderen Weg, mit anderen Mitteln erreicht. Für den Pädagogen ist es von großer Bedeutung, dass er die Besonderheit des Weges kennt, den entlang er das Kind führen muss. Der Schlüssel zur Originalität verwandelt das Minus des Handicaps in das Plus der Kompensation.

Zitiert nach Oliver Sacks: On The Move. Mein Leben. Reinbek, 2015, S. 308

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Mittelalterliche Kleinstaaterei behindert Inklusion

Die Bertelsmann-Stiftung hat gerade eine viel beachtete Studie zur Schul-Inklusion in den Bundesländern veröffentlich. Danach

  • erschweren verhindern die unterschiedlichen Förderpolitiken der Länder vergleichbare Chancen für alle Förderschüler in Deutschland,
  • nimmt die Chance auf Inklusion ab, je höher die Bildungsstufe ist und
  • geht die Exklusionsquote nur leicht zurück, weil bundesweit bei immer mehr Kindern ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird.

Zum ersten Punkt passt auch das Meinungsbild, das die Lausitzer Rundschau in anderem Zusammenhang gerade eingesammelt hat: Die Mehrheit der Lausitzer will ein einheitliches Bildungssystem. Ob das wohl in anderen Regionen anders aussieht?

Endlich: verständliche Erklärung zur Stärkung der SBV

Gerade erst wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Forderungen von Nicht-­Regierungs-­Orga­nisa­tio­nen auch als solche erkennbar und nach­voll­zieh­bar sein müssen. Nun haben DGB, Sozial- und Behin­derten­ver­bände sowie die Behin­derten­beauf­tragte der Bundes­regier­ung ihre Vor­schläge für die kommende Reform der Schwer­behin­der­ten­ver­tre­tung (SBV) vor­ge­stellt. Neben erweiterten Rechten für die SBV – wie in der Kölner Erklärung der BbSD – wird eine höhere Aus­gleichs­ab­gabe für Unter­neh­men gefordert, die ihre Be­schäf­ti­gungs­pflicht für Menschen mit Be­hin­de­rung nicht erfüllen.

Für den Herbst plant die Bun­des­re­gie­rung eine Reform der Rechts­grund­lage der Schwer­behin­derten­ver­tre­tung. Und die gemeinsame Erklärung ist zumindest deutlich formuliert. Dass der DGB sprachlich patzt und in seiner Meldung „Behinderte“ schreibt, kann nur Kopf schüttelnd zur Kennt­nis genommen werden. Auch dass die Erklär­ung kein Datum trägt, zeigt, dass profes­sionel­le Öffent­lich­keits­arbeit ein hartes Brot ist. Aber immerhin: Die Erklärung ist ein Fortschritt.

lobby4kids: Erst der Mensch

Irene Promussas, Obfrau der Selbsthilfegruppe Lobby4kids und Mutter einer 15-jährigen Tochter mit chronischer Erkrankung, kämpft für Inklusion und hat dem Standard (7.8.15) ein wirklich lesenswertes Interview gegeben:

Zuerst den Menschen, dann sein Handicap. Es ist ein Unterschied, ob es heißt: behindertes Kind oder Kind mit Behinderung.

Wie das US-Fernsehen Vorurteile des Sozialbetruges schürt

In ihrem Artikel „Orange is the New Black is Dead Wrong About Disability“ beschreibt Rebecca Vallas auf TalkPoverty.org am 22. Juni 2015 wie die Netflix-Original-Serie zum Auftakt ihrer dritten Staffel mit dem Stereotyp spielt, arme amerikanische Eltern würden ihre Kinder Symptome einer ADHS-Erkrankung simulieren lassen, um dann entsprechende Sozialhilfen zu erhalten. Vallas Artikel benennt Fälle, in denen Zeitungsberichte mit solchen Missbrauchsbehauptungen zu einer Regelverschärfung durch den Kongress geführt haben, die einen Leistungsverlust für viele Kinder nach sich gezogen hätten, ohne dass sich die Behauptungen belegen ließen.

Die von Rebecca Vallas kritisierte Serien-Folge belege zudem ein mangelhaftes Verständnis für psychische Erkrankungen. Es werde der Eindruck erweckt, diese seien weniger wirklich oder berechtigt, als offensichtliche körperliche Behinderungen. Zugegeben handle es sich bei „Orange is the New Black“ um Fiktion, doch wie bei ähnlichen Einlassungen in der Serie „House of Cards“ (ebenfalls von Netflix), habe diese Darstellung eine zerstörerische Wirkung auf reale Sozialprogramme.

„CD-ROM: Informationen für behinderte Menschen“

Ausschnitt der Seite des Ministeriums vom 17.10.2014So lautet die Überschrift einer aktuellen Seite im Internet-Angebot des Bundes·sozial·ministeriums BMAS. Als ob wir über die Art und Weise, wie wir angesprochen werden möchten und sollten nicht häufig genug aufgeklärt hätten. Zum Beispiel letztes Jahr bei einer Podiums·diskussion des BSK in Berlin.

Die beworbene CD mit dem Stand 8. Oktober 2014 beinhaltet übrigens folgende Broschüren:

„Ratgeber für behinderte Menschen“ (A712),
„Rehabilitation und Teilhabe“ (A 990)
„Bericht zur Lage der Behinderten 2009“ (A125)
„Ich habe meinen Arbeits·platz gefunden“ (A735)

Und jetzt wird es komisch: Die erst·genannte Broschüre A712 wurde vor neun Monaten mit dem besseren Titel „Ratgeber für Menschen mit Behinderung“ veröffentlicht. Wieso nun der Rück·schritt zur alten Version? Da wird doch wohl nicht im Keller noch eine Kiste mit alten CDs gelegen haben, die nun weg müssen?

Diese Erklärung, liebes BMAS, wäre mir aber allemal lieber, als eine sprachliche Rolle rückwärts, mit der wir wieder über unsere Behinderung anstatt unser Menschsein definiert werden.

Gewalt gegen Frauen: reichen 56 Prozent?

An dieser Stelle ging es vor zwei Wochen um die Konferenz der Gleich·stellungs- und Frauen·minister/innen (GFMK) und ihren zwei Jahre alten aber konsequenzlosen Beschluss, Frauen mit Behinderung besser vor Gewalt zu schützen.

Auf der 24. Konferenz der GFMK am 1. und 2. Oktober 2014 in Wiesbaden gab es den TOP 5.4 mit dem Titel „Beauftragte für Frauen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung“ und folgendem Beschluss:

Die 2013 vom BMFSFJ veröffentlichte repräsentative Studie „Lebens­situation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland“ hat ein selbst für Fachleute erschreckendes Maß an Gewalterfahrung von Frauen mit Behinderungen offenbart. Jede zweite bis dritte Frau der in der Studie Befragten war in Kindheit und Jugend oder im Erwachsenenalter von sexueller Gewalt betroffen – weit mehr als im weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt. Als besonders belastet erwiesen sich dabei mit 56% der Betroffenen psychisch erkrankte Frauen, die in Einrichtungen leben.

Aus diesem Grund ist ein wesentlicher Teil der Politik für Frauen mit Behinderungen in Bund und Ländern Gewaltpräventions-Politik. Die Bundesregierung fördert in diesem Zusammenhang ein Projekt zur Einführung von Beauftragten für Frauen in Einrichtungen (zunächst nur für Menschen mit Lernbehinderung). Ziel ist es, in Wohnheimen und Werkstätten zu einer Sensibilisierung für das Thema Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen beizutragen und Grenzverletzungen und Übergriffe möglichst zu verhindern. Beauftragte für Frauen aus dem Kreis der Frauen mit Behinderungen sollen dabei als Vertrauenspersonen und Ansprechpartnerinnen sowie als Verbindungsglied zu den Einrichtungsleitungen fungieren. In einem von 2008 bis 2011 laufenden Pilotprojekt wurden in bundesweit 16 Werkstätten und Wohnheimen Beauftragte für Frauen geschult und ausgebildet. In einem weiteren Schritt sollen in möglichst allen Bundesländern Schulungen für Multiplikatorinnen stattfinden, die wiederum Beauftragte für Frauen für ihre Aufgaben ausbilden.

Die GFMK bittet die Bundesregierung und die Länder, parallel zur Erprobungs- und Einführungsphase von Beauftragten für Frauen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zu prüfen, in welchem Umfang und mit welchen Regelungen deren Funktion und Aufgaben gesetzlich verankert werden können.

Quelle
http://www.gleichstellungsministerkonferenz.de/documents/2014_10_13_Beschluesse_GESAMT_Extern.pdf
zuletzt aufgerufen am 15.10.2014

Jetzt nochmal die eingangs gestellte Frage:

  • Reichen 56 Prozent? und
  • Was ist mit den anderen 44 Prozent?
  • Und wenn das Pilotprojekt bereits 2011 abgeschlossen wurde, wieso hat es dann drei Jahre gedauert, bis die zuständigen Fachminister/innen den Bund und die Länder (also sich selbst) um einen Prüfauftrag hierzu „bitten“?

Erhellende Kommentare gerne unten.