Schwerbehindertenvertretungen haben BbSD nicht verdient

Keine Frage, die betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen (SbV) sind wichtig. Sie müssen unterstützt und gestärkt werden. Aber noch mehr Hilfe braucht ihre Arbeitsgemeinschaft. Die ist ein eingetragener Verein mit dem sperrigen Titel „Bundesarbeitsgemeinschaft der betrieblichen Schwer­behin­derten­vertretungen in Deutschland e.V. (BbSD)“. Leider erscheint die BbSD in ihrem Auftreten unbeholfen. Das beginnt schon mit ihrem Internetangebot bbsdev.de. Das ist hoffnungslos veraltet und noch nicht einmal barrierefrei. Vor allem hat die Bundes-AG ein sprachliches Problem: Sie kann ihre Ziele und Forderungen nicht formulieren.
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Lieber Opel-Zoo in Kronberg,

Dich haben wir neulich besucht und mussten nach einer halben Stunde erschöpft aufgeben. Die Lage im Taunus lässt es erahnen: Der Zoo liegt am Hang.

Auf deiner Webseite fanden wir unter „Behindertengerechte Einrichtungen“ u.a. folgende Aussagen:

  • Die Wege im Opel-Zoo sind bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Waldlehrpfad) mit dem Rollstuhl befahrbar.
  • Beachten Sie aber bitte, dass unser Gelände teilweise sehr steil ist.
  • Wir verfügen über behindertengerechte sanitäre Einrichtungen und auch in das Zoorestaurant gelangt man mit dem Rollstuhl.
Eintrittskarte (Ausschnitt)
Steile Angelegenheit: Der Opel-Zoo

Das klingt doch gut; „teilweise“ kann man ja meiden. Und auch an der Kasse hat man uns auf Nachfrage die Wege als „hügelig“ beschrieben und dazu mit der Hand eine wellenförmige Bewegung gemacht, wie bei einem hawaiianischen Tanz.

Aber hinter dem Eingangsbereich muss man sich entscheiden: Rechts ist der Ausgang, links gibts Kaffee, eine Behindertentoilette und eine Aussichts-Terasse auf die Savanne. Will man aber zu den Tieren (und beim Zoo-Besuch ist das meistens so) muss man geradeaus zum Hauptweg.

Leider ist gerade der Hauptweg extrem steil. Die Begleitung eines Rollstuhlfahres muss bei guter Konstitution sein, um den Rollstuhl bergab halten zu können und erst recht, um ihn samt Inhalt später wieder den Berg hinauf zu wuchten. Wie gesagt: Wir mussten aufgeben. Rollstuhlfahrer ohne Begleitung sind von vorne herein aufgeschmissen.

Und warum schreibe ich Dir das jetzt?

Weil ich Dich bitte, Rollstuhlfahrern und ihrer Begleitung künftig deutlicher zu sagen, dass dein Zoo nichts für sie ist.
Dafür wird jeder Verständnis haben, denn für das steile Geländeprofil kannst Du ja nichts und nachträglich Serpentinen durch das Ziegengehege zu bauen, wäre übertrieben. Schließlich gibt es auch in flacheren Regionen einen Zoo.

Und wenn ich darf, eine Frage noch:

Du gewährst Kindern mit einer Behinderung bei einem GdB zwischen 50 und unter 80 Prozent einen Preisnachlass von gerade 1 Euro, verlangst aber 2 Euro für ein Säckchen Futter-Möhren. Ist das dein Ernst?

Wie das US-Fernsehen Vorurteile des Sozialbetruges schürt

In ihrem Artikel „Orange is the New Black is Dead Wrong About Disability“ beschreibt Rebecca Vallas auf TalkPoverty.org am 22. Juni 2015 wie die Netflix-Original-Serie zum Auftakt ihrer dritten Staffel mit dem Stereotyp spielt, arme amerikanische Eltern würden ihre Kinder Symptome einer ADHS-Erkrankung simulieren lassen, um dann entsprechende Sozialhilfen zu erhalten. Vallas Artikel benennt Fälle, in denen Zeitungsberichte mit solchen Missbrauchsbehauptungen zu einer Regelverschärfung durch den Kongress geführt haben, die einen Leistungsverlust für viele Kinder nach sich gezogen hätten, ohne dass sich die Behauptungen belegen ließen.

Die von Rebecca Vallas kritisierte Serien-Folge belege zudem ein mangelhaftes Verständnis für psychische Erkrankungen. Es werde der Eindruck erweckt, diese seien weniger wirklich oder berechtigt, als offensichtliche körperliche Behinderungen. Zugegeben handle es sich bei „Orange is the New Black“ um Fiktion, doch wie bei ähnlichen Einlassungen in der Serie „House of Cards“ (ebenfalls von Netflix), habe diese Darstellung eine zerstörerische Wirkung auf reale Sozialprogramme.

Fristablauf: Regelbedarfsstufe 1 für volljährige Menschen mit Behinderung

Zum Jahresende läuft eine Frist für volljährige Menschen mit Behinderung aus, die bei den Eltern oder in einer WG leben und deshalb nicht Regelbedarfsstufe 1 erhielten. Das Bundessozialgericht (BSG) hat in diesem Jahr festgestellt, dass es gegen den Gleicheitsgrundsatz verstößt, ihnen eine schlechtere Regelbedarfsstufe zuzuweisen und sie finanziell schlechter zu stellen. Für das Jahr 2013 lohnt sich also eine Überprüfung des Bescheides. Leider spielen hier wohl einige Stellen der öffentlichen Hand auf Zeit.

Die vollständige Sachlage findet sich bei http://tacheles-sozialhilfe.de … . Hier gibt es auch einen Muster-Antrag, um gegen die Ungleichbehandlung vorzugehen. Die Begründung im Muster-Antrag ist übrigens leichter zu verstehen, als der Artikel.

Barrierefrei im Denkmal?

Letzte Woche habe ich meine Jacke versaut, weil ich in ein öffentliches Gebäude musste. Das Gebäude ist alt, seine Fassade besteht aus Sandstein und die sehr hohe Eingangsstufe wird in ihrer behindernden Wirkung noch dadurch verschärft, dass es kein Geländer gibt (auch nicht am Hintereingang). Also habe ich mich mit der Schulter und aller Kraft gegen die Fassade gepresst, um die Stufe zu überwinden. In der Regel heißt es bei Rückfragen, man dürfe aus Gründen des Denkmalschutzes kein Geländer anbringen. „Leider“. Dass der Denkmalschutz in Deutschland wichtiger ist als meine Jacke, das sehe ich ein; aber nicht, dass er wichtiger ist, als meine Würde.

Da trifft es sich gut, dass das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) auf der Europäischen Messe für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung in Leipzig ein spannendes Podiumsgespräch zu dem „immer wichtigeren Thema“ Barrierefreiheit und Denkmalschutz veranstaltet.

Es diskutieren:

  • die Fachbereichsleiterin im Landesdenkmalamt Berlin Anna-Maria Odenthal,
  • der Stadtdenkmalpfleger Norbert Baron,
  • der Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer Joachim Brenncke,
  • der Behindertenbeauftragte des Landes Brandenburg Jürgen Dusel und
  • der Bereichsleiter Technik der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen Siegfried Rehberg.

Moderiert wird das Gespräch von der Journalistin Melanie von Bismarck.

Veranstaltungsort: „denkmal“ Europäische Messe für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung,
Halle 2 – Bühnen-Areal INFO-FORUM Denkmalpflege,
Messe-Allee 1,
04356 Leipzig

Wann: Samstag, 8. November 2014, 11.00-12.00 Uhr

„CD-ROM: Informationen für behinderte Menschen“

Ausschnitt der Seite des Ministeriums vom 17.10.2014So lautet die Überschrift einer aktuellen Seite im Internet-Angebot des Bundes·sozial·ministeriums BMAS. Als ob wir über die Art und Weise, wie wir angesprochen werden möchten und sollten nicht häufig genug aufgeklärt hätten. Zum Beispiel letztes Jahr bei einer Podiums·diskussion des BSK in Berlin.

Die beworbene CD mit dem Stand 8. Oktober 2014 beinhaltet übrigens folgende Broschüren:

„Ratgeber für behinderte Menschen“ (A712),
„Rehabilitation und Teilhabe“ (A 990)
„Bericht zur Lage der Behinderten 2009“ (A125)
„Ich habe meinen Arbeits·platz gefunden“ (A735)

Und jetzt wird es komisch: Die erst·genannte Broschüre A712 wurde vor neun Monaten mit dem besseren Titel „Ratgeber für Menschen mit Behinderung“ veröffentlicht. Wieso nun der Rück·schritt zur alten Version? Da wird doch wohl nicht im Keller noch eine Kiste mit alten CDs gelegen haben, die nun weg müssen?

Diese Erklärung, liebes BMAS, wäre mir aber allemal lieber, als eine sprachliche Rolle rückwärts, mit der wir wieder über unsere Behinderung anstatt unser Menschsein definiert werden.

Gewalt gegen Frauen: reichen 56 Prozent?

An dieser Stelle ging es vor zwei Wochen um die Konferenz der Gleich·stellungs- und Frauen·minister/innen (GFMK) und ihren zwei Jahre alten aber konsequenzlosen Beschluss, Frauen mit Behinderung besser vor Gewalt zu schützen.

Auf der 24. Konferenz der GFMK am 1. und 2. Oktober 2014 in Wiesbaden gab es den TOP 5.4 mit dem Titel „Beauftragte für Frauen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung“ und folgendem Beschluss:

Die 2013 vom BMFSFJ veröffentlichte repräsentative Studie „Lebens­situation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland“ hat ein selbst für Fachleute erschreckendes Maß an Gewalterfahrung von Frauen mit Behinderungen offenbart. Jede zweite bis dritte Frau der in der Studie Befragten war in Kindheit und Jugend oder im Erwachsenenalter von sexueller Gewalt betroffen – weit mehr als im weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt. Als besonders belastet erwiesen sich dabei mit 56% der Betroffenen psychisch erkrankte Frauen, die in Einrichtungen leben.

Aus diesem Grund ist ein wesentlicher Teil der Politik für Frauen mit Behinderungen in Bund und Ländern Gewaltpräventions-Politik. Die Bundesregierung fördert in diesem Zusammenhang ein Projekt zur Einführung von Beauftragten für Frauen in Einrichtungen (zunächst nur für Menschen mit Lernbehinderung). Ziel ist es, in Wohnheimen und Werkstätten zu einer Sensibilisierung für das Thema Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen beizutragen und Grenzverletzungen und Übergriffe möglichst zu verhindern. Beauftragte für Frauen aus dem Kreis der Frauen mit Behinderungen sollen dabei als Vertrauenspersonen und Ansprechpartnerinnen sowie als Verbindungsglied zu den Einrichtungsleitungen fungieren. In einem von 2008 bis 2011 laufenden Pilotprojekt wurden in bundesweit 16 Werkstätten und Wohnheimen Beauftragte für Frauen geschult und ausgebildet. In einem weiteren Schritt sollen in möglichst allen Bundesländern Schulungen für Multiplikatorinnen stattfinden, die wiederum Beauftragte für Frauen für ihre Aufgaben ausbilden.

Die GFMK bittet die Bundesregierung und die Länder, parallel zur Erprobungs- und Einführungsphase von Beauftragten für Frauen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zu prüfen, in welchem Umfang und mit welchen Regelungen deren Funktion und Aufgaben gesetzlich verankert werden können.

Quelle
http://www.gleichstellungsministerkonferenz.de/documents/2014_10_13_Beschluesse_GESAMT_Extern.pdf
zuletzt aufgerufen am 15.10.2014

Jetzt nochmal die eingangs gestellte Frage:

  • Reichen 56 Prozent? und
  • Was ist mit den anderen 44 Prozent?
  • Und wenn das Pilotprojekt bereits 2011 abgeschlossen wurde, wieso hat es dann drei Jahre gedauert, bis die zuständigen Fachminister/innen den Bund und die Länder (also sich selbst) um einen Prüfauftrag hierzu „bitten“?

Erhellende Kommentare gerne unten.